Rezensionen
"Der Literaturförderpreis der Stadt Düsseldorf 2008 geht an Reglindis Rauca"
Der jährlich vergebene Literaturförderpreis der Landeshauptstadt
Düsseldorf geht in diesem Jahr an die Schriftstellerin und
Schauspielerin Reglindis Rauca, die im März ihren hochgelobten Debütroman Vuchelbeerbaamland vorgelegt hat.
Reglindis Rauca, geboren 1967 in Plauen, machte zunächst eine Ausbildung als Krankenpflegerin in Dresden und studierte dann Schauspiel an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin. Nach engagemnets an verschiedenen Theatern arbeitet sie jetzt als Werbetexterin und Grafikerin.
Ihr Roman Vuchelbeerbaamland ist deutlich von autobiographischen Erfahrungen geprägt. Reglindis Rauca ist es aber gelungen, ein kleines Meisterstück der Erzählkunst vorzulegen, dem man auch ihre Beschäftigung mit dramatischen Texten deutlich anmerkt.
Vuchelbeerbaamland, also Land des Vogelbeerbaumes, auch Eberesche genannt, heißt der Roman der Düsseldorfer Autorin Reglindis Rauca. Die zarten Zweige, die sich den Betrachtern des schön gemachten Buchumschlages entgegenstrecken, erwecken gemeinsam mit dem Titel die Erwartung auf eine Geschichte in ländlicher Idylle. Doch weit gefehlt: Schauplatz der Geschichte ist zwar die kleine Stadt Plauen im Vogtland, doch der Alltag der Protagonistin Marie in der DDR der 80iger Jahre ist keineswegs nur kindlich-sonnig. Schon beim Start ins Leben wird klar, dass dazu die Voraussetzungen fehlen: „Die Hebamme schlägt die Arme über dem Kopf zusammen: ‚Das hat ja rote Haare.’“
Doch es sind nicht nur die kurzgeschnittenen roten Haare, die Marie zur Zielscheibe der Spottlust ihrer Kameraden machen. Die „ganze Schule wird auch wieder lachen“ über „den kackgelben Pulli, die himmelblauen Strickhosen, diesen ganzen lächerlichen und grotesken Aufzug.“
Nicht viel leichter hat Marie es mit ihrer Familie, in der alle Rollen eindeutig verteilt sind: Der Vater bringt das Geld nachhause, während die Mutter zuständig ist für die „drei K’s“ Kinder, Küche, Kirche. Abweichende Meinungen, Konflikte und Diskussionen werden mit Leberwurstbroten und Allgemeinplätzen erstickt: „Solange du die Füße unter unseren Tisch streckst, machst du, was wir wollen.“ Bei geschlossenen Türen und Fenstern ereifert sich der Vater gegen alle sozialistischen Doktrinen und Ansichten. Der stille Protest der Eltern gegen das Regime versperrt Marie die letzten Möglichkeiten, Zugang zum schulischen Alltag zu finden. An Klassenfahrten darf sie aus Angst der Eltern vor zu großer Beeinflussung nicht teilnehmen, die Feier nach der Jugendweihe inklusive Geschenke fällt aus: „Als Katja nachfragt, verweist sie zögernd auf die bevorstehende Konfirmation, worauf sie erstaunte und mitleidige Blicke erntet.“
Überall eckt Marie an, stößt auf Widerstände und wird in ihre (engen) Grenzen gewiesen. Da muss ein Gegengewicht her, das Marie in dem nach Kanada ausgewanderten Großvater findet. Er verkörpert die Weite, die Überwindung von Grenzen. Die Absender seiner Briefe versprechen „geheimnisvolle Orte, eine Welt, in der es keinen Kummer und keine Tränen gibt“, eine Welt voller Wälder, Seen, Wasserfälle, Elche und Bären. Erzählen darf Marie niemandem von dem nahen Unbekannten: „Zu keinem Bekannten, zu keiner Freundin, zu keinem Menschen ein Wort. (...) die Stasi (...) hat überall ihre Finger drin.“ Was wirklich hinter der Angst ihrer Eltern steckt, erfährt Marie erst viel später, als der mit so vielen Phantasien behaftete Großvater als international gesuchter SS-Verbrecher an die BRD ausgeliefert wird.
Reglindis Rauca, die selbst in Plauen aufgewachsen ist, nach einer Krankenpflegerin-Ausbildung Schauspiel studiert hat und an mehreren Theatern engagiert war, hat mit ihrem ersten Roman vieles geleistet: Sie schildert eine Jugend in der DDR der 70er und 80er Jahre mit allen typischen Stationen aus ungewöhnlicher Perspektive. Trotz Westpakete und Schulspeisung, Mangelwirtschaft („Hammer nich“) und Gurkengläser tappt Rauca nicht in die Klischeefalle. Die Schülerinnen tragen Jeans und Minis, und Thema der Schulhofgespräche ist die letzte Folge von Dallas. Apfelkuchen mit Schlagsahne gehört ebenso in den sozialistischen Alltag wie Buttercremetorte. Während in der Schule offene und kritische Diskussionen ganz normal zu sein scheinen, finden sich in der christlichen Gemeinde keine Spuren der vielbeschworenen „Keimzelle des Widerstandes“. Bei den Zusammenkünften der jungen Gemeinde greift man zwar kräftig in die Gitarrensaiten und liest aus dem Westen mitgebrachte Bücher über die Sünden der Menschheit; den drängenden Fragen der Jugendlichen weicht man aber lieber aus.
Rauca zeichnet Erinnerungsbilder, die sich wie die bunten Steine eines Mosaiks zu einem Ganzen runden. Sie erzählt und lässt den Text selbst sprechen. Wörtliche Rede charakterisiert das Personal des Romans aus sich selbst heraus, der Dialekt verleiht Lokalkolorit. Viele Situationen lösen in Maries Kopf Assoziationsketten aus, die den Text lebendig machen. Ständig wechselt der Ton, eingestreut werden Parolen, Gebete, Lieder und immer wieder Morgenstern-Zitate.
Nur als Marie die Wahrheit über ihren Großvater erfährt, verstummt das Buch: Dem Bericht der BBC-Sendung wird als Kommentar Fischers Nachtgesang entgegengesetzt.
Kulturserver NRW, 10. Dezember 2008
Den Originaltext finden Sie hier.